Adlerflug




Tanzend stehe ich auf der Bühne. Fünfzig Kinder vor mir ahmen meine Bewegungen nach. Ich strahle - nicht nur, weil dann die Kinder umso begeisterter werden, sondern weil ich wirklich tiefe Freude empfinde. Der Beat wechselt. Es erklingt ein „und ich flieg, flieg, flieg“, und wir alle heben ab zum gemeinsamen Adler-Dasein. Mit ausgestreckten Armen schwebe ich über die Bühne und sehe die Kinder mit mir fliegen. Das ist eine schöne Form vom Leben. Auch wenn….

Es wird sogar noch schöner, als dann die Theaterkids auf die Bühne kommen. Ganz aufgeregt, weil zum ersten Mal in ihrem Leben ein Headset sie so professionell aussehen lässt und weil sie heute die Rolle der Tierbande performen und weil Theaterspielen vor fünfzig anderen Kindern eben eine spannende, aufregende Sache ist. Das erste Kind läuft auf die Bühne - die Schulglocke ertönt und wir lassen uns in die Geschichte hineinversetzen, die die Kinder sich ausgedacht haben. Mich rührt, wie sie auf der Bühne strahlen, wie ein „Ich bin so nervös Janina“ runtergeschluckt wird und gebannte Augen ausgehalten werden. Ich bin gerührt, weil Kinder hier einen Raum betreten, in dem sie nicht zu jung, nicht zu unerfahren, sondern genau richtig sind. Das ist eine schöne Form vom Leben. Auch wenn…

Wir haben dieses Mal ein größeres Bühnenbild. Stundenlang wurde gestern vorbereitet. An einem Samstagvormittag klingelte um sieben mein Wecker, damit ich noch schnell zum Bäcker laufen konnte, um die Brezel für die Mitarbeitenden zu besorgen, Kaffee zu kochen und da zu sein, wenn Menschen willkommen geheißen werden. Ich mache das gerne, wirklich gerne. Ich lieb es, zu erleben, wie Verbundenheit und Teamdenken entsteht. Das ist eine schöne Form vom Leben. Auch wenn…

Auch wenn ich dafür den Fernsehtermin von gestern absagen musste. Ein Poetry Slam, der live ausgestrahlt wurde. Einen, den meine weit entfernte Familie gemütlich vor ihrem eigenen Flatscreen hätte anschauen können. Einen, bei denen ich einmal hinter diese glitzernde Fernsehbühne geschaut hätte und mich im Backstagebereich vor einem großen Spiegel gepudert hätte, auch wenn ich Puder sonst nicht mag. Aber das gehört eben zu dieser glitzernden Fernsehwelt und ich hätte das einmal gerne miterlebt.

Ich habe abgesagt. Zum zweiten Mal. Vielleicht werde ich nicht noch einmal eingeladen. Chance verpasst. Kein Spiegel im Backstagebereich, kein „ich war schon einmal im Fernsehen“-Rückblick in dreißig Jahren, kein sich etwas darauf einbilden können, was für eine gefragte Künstlerin ich doch bin und stattdessen Unsicherheit, ob der Titel einer Künstlerin mir überhaupt in meinem Adlerflug noch zusteht.

Vielleicht ist das meine eigentliche Frage: Muss ich das glitzernde Fernsehen, große Menschenmassen oder bekannte Events meinen Namen applaudieren lassen, um mich Künstlerin zu nennen? Bleibe ich Künstlerin, wenn ich den Kindern eine Tiermaske bastel, wenn ich Josha sage, wie er als Löwe brüllend über die Bühne stolziert und mir Tänze zu Kinderliedern ausdenke? Bin ich dann genauso eine Künstlerin? Und ist das eigentlich weniger wertvoll?

Es ist anders. Das ist es auf jeden Fall.

Es sind Kinder, die nicht applaudieren, sondern ehrlich und authentisch mittanzen oder eben auch gelangweilt sitzen bleiben, weil sie keine Lust haben. Auch das ist okay.

Es sind keine poetischen Worte durch ein Mikrofon, sondern es ist ein „Komm Emelie, ich zeig dir, wie du das Headset anziehst.“

Es ist keine gepuderte Nase, sondern eine Tiermaske.

Es hat keinen Backstagespiegel, sondern nur eine selbstgebaute Wand, hinter der die Theaterkids aufgeregt stehen und ich ihnen das letzte Mal Mut zuspreche.

Es ist wertvoll und es ist wertvoll.

Beides.

Darf ich aufhören, das gegeneinander auszuspielen oder mich nur in der einen Rolle eben wirklich wichtig zu fühlen?

Wer bestimmt, was wichtig ist und wer legt fest, was als kunstvoll gilt?

Meistens bestimme ich das - geprägt durch meine Biographie, mein Umfeld, meinen inneren Lebensstil.

Wenn ich denken kann: “Schönes Leben“, dann darf es eben für mich ein schönes Leben sein, das ich nicht sofort in Klammern setze oder hinterfrage oder auf eine Waage mit den anderen Optionen setze.

Ich tanze gerne mit meinen Kindern. Ich sage das ganz selbstbewusst.

Ich bin und bleibe Künstlerin und ja - phasenweise ist die größte meiner Kunstauslebungen das Einüben von einem Löwenschrei. Das macht mich nicht weniger zu einer Künstlerin. Auch nicht mehr. Vielleicht kann man ja auch gar nicht mehr oder weniger Künstler oder Künstlerin sein. Man ist es eben. Punkt.

Es ist die Haltung, die sich durch den Alltag zieht.

Es ist der Blick, den man der Wirklichkeit gibt.

Es ist die Art, wie man das Schaffen von Werken liebt.

Ich bin Künstlerin mit ausgestreckten Armen und einem Adler-imitierenden Flug auf der Bühne.

Und ich flieg, flieg, flieg…


Janina Dück

30 Ansichten