Herzenskleider




Mein Herz ist nackt. 

Und weil es sich nackt nicht so vor die Leute traut, nähe ich ihr Kleider aus Worten. 

Große, schlabbrige, engsitzende und tiefgeschnittene, glitzernde und elegante, auffällige, alltägliche und Arbeitskleider. Jacke wie Hose, und in

diesen maßgeschneiderten Kleidern schick ich mein Herz auf die Reise.

Schüchtern zeige ich dir ein Stück, ein weites. Ich halte es deinem Herzen an und schaue, ob dein Herz damit etwas anfangen kann.

Ob dir der Stil gefällt, die Größe sitzt und ob du dich darin wiederfindest. Ich bin schüchtern, noch weiß ich nicht, wie du reagierst. Schließlich geht es um meine Herzenskleider und die passen nicht jedem. Sie sind meine ganz eigenen, maßgeschneidert. Darum schau sie dir bitte behutsam an.

Ich zeige sie zögerlich. Meine Hände zittern etwas als ich sie dir reiche, und fragil fühle ich mich. Und doch überwinde ich die Angst, denn ich hoffe. Ich hoffe darauf, dass unsere Herzen ganz vielleicht die gleiche Größe haben, den gleichen Geschmack, in ihnen das Gleiche pulsiert. Ja ich habe die Hoffnung, dass es so ein Wunder gibt. 

Und mehr ist es auch nicht. Wenn ich dir meine Herzenskleider zeige, dann geht es mir nur um das Wunder, dass wir vielleicht die gleichen Kleider in uns tragen.

In gleichen Schlägen denken, fühlen und sind. Das Wunder, verstanden zu werden, und zwar wirklich. Denn wir werden eins, wenn uns dieses Wunder passiert und wir bleiben verbunden auf innige, ewige Art. Oft bricht es unerwartet im Alltagsgrau über uns hinein wie ein verstohlener Sonnenstrahl hinter einer Wolkendecke. Lässt uns erahnen was es heißt, lebendig zu sein. 

Und so ziehe ich eins nach dem anderen heraus, halte es dir hin und beobachte gebannt, was für eine Herzensregung ich dir diesmal abspüre.



Tabitha Schultz

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