Ist das Produkt wichtiger oder der Prozess?




Kreativität ist für mich vieles. Vor allem ist sie natürlich und lebendig. Etwas zu erschaffen ist doch ein Trieb, den jeder Mensch spürt – oder?

Ein Brot backen, ein Regal aufbauen, einen Zeitplan entwickeln (zumindest so ungefähr braucht ja doch selbst ein Urlaubstag eine Reihenfolge), eine Geschichte erfinden oder witzige Bewegungen machen, um jemanden zum Lachen zu bringen.

Vielleicht ist Kreativität auch aktiv, wenn ich etwas tue, das ich schon hunderte Male getan habe, auf dieselbe Weise?

Wenn ich dasselbe Essen seit Jahren immer wieder koche. Wenn ich die schmutzige Wäsche wasche in der Maschine oder die trockenen Sachen zusammenlege für den Kleiderschrank. Wenn ich den Wohnungsflur kehre. Es entsteht bei all diesen Tätigkeiten trotzdem ein Ergebnis.

Anscheinend sehe ich Kreativität synonym zu Wirksamkeit.

Aber nicht unbedingt, wenn ich nur einen kurzen Mausklick tätige. Ich glaube, es muss für mich etwas prozesshafter sein, also zeitlich ausgedehnter, als nur einen Wimpernschlag lang. Fünf Mausklicks könnten meinetwegen bereits Ausdruck von Kreativität sein. Icons auf dem Desktop anordnen im Karomuster zum Beispiel.

Etwas flach, aber doch auch kreativer, als sie zufallsgeordnet liegen zu lassen.

Ich habe früher manchmal den Eindruck gewonnen, dass die Menschen, die sagen "Ich mache gerne kreative Dinge" Langweiler sind, die sich bewusst entscheiden müssen, ausnahmsweise Mal etwas mit Muse, mit Gefühl, mit Individualität zu tun.

Das wirkt dann leider gerne Mal ungelenk. Als wäre es für den Erzeuger eigentlich unnatürlich gewesen, dieses „Kreieren“. Ich denke an Bilder von einem anfangenden Maler, die mich an die Grundschulzeit erinnern. An zackige Tänze von Tanzanfängern. An auffällige Kuchen von Küchen-Beginnern.

Diese Betrachtung, also meine Betrachtung, hat vielleicht ihre Berechtigung und darf existieren, aber ich finde sie doch auch fehlgeleitet, weil sie den Blick auf bestimmte Faktoren begrenzt und anderes Relevantes außer Acht lässt. Sie beachtet die vermeintliche Qualität eines Produkts und lässt den Prozess außen vor.

Was finde ich nun also wichtiger – Produkt oder Prozess? Definitiv den Prozess.

Denn Kreativität tut gut, um der Sache Willen. Unabhängig vom Produkt. Der Prozess ist in meinem Fokus. Das Ergebnis weniger.

Etwas zu kreieren bedeutet für mich, mit dem Flow zu gehen (Oh Ja.) und freizugeben, was sowieso schon da ist. Diesen Satz sollte ich jetzt am besten noch drei Mal in anderen sprachlichen Bildern wiederholen. Ich werde diese Sichtweise im Folgenden noch mehrmals aufgreifen.

Natürlich habe ich meine Texte für die Anthologie nachbearbeitet. Ich habe wahnsinnig viel gekürzt. Das ist für mich die größte Arbeit. Ich habe quasi das Produkt aufpoliert und veredelt. Vom eigentlichen kreativen Prozess war das für mein Empfinden weit weg. Aber es war auch notwendig, um es zugänglicher zu machen.

Grundsätzlich bleibt für mich aber bestehen: mich auszudrücken ohne kritische Selbstzensur ist mir wichtiger, als an die Adressaten zu denken. Denke ich zu sehr an das Ergebnis, komme ich nicht in Gang und genieße es auch nicht, herauszulassen, was in mir ist. Der Genuss und die Freude am Schaffen sind, was mich antreibt.

Das wünsche ich jedem. Als ich mit 14 Jahren das erste Mal versuchte einen Liedtext zu schreiben, lag mein Gedanke an die spätere Betrachtung durch andere bleiern auf mir und erstickte meinen Ausdruck. Erst als ich ein paar Jahre lang Tagebuch schrieb und mir angewöhnte, möglichst ungefiltert passieren zu lassen, was gerade passieren will, wurde Kreativität befreiend und erleichternd für mich. Ich finde es sehr spielerisch und schön, mit dem Flow zu gehen und kreative Blockaden links liegen zu lassen. Später kann ich dann filtern und mich selber und andere schützen vor Hässlichkeit, Bloßstellung oder Langeweile, oder platter Reproduktion von Altbekanntem.

Manchmal bin ich auf Ergebnisse versteift. Bei Musik und bei poetischen Texten.

Und wenn ich mich anziehe. Da sind mir manche modische Freigeister echt sympathische Vorbilder. Und wenn ich den Tisch decke, oder koche... Eigentlich doch relativ oft. Aber nicht immer.

Denn dieser Ergebnis-Fokus ist Phase Zwei. Phase Zwei eines Prozesses.

Sie bedeutet Arbeit und Kritik. Sie bedeutet bewerten, ausschließen, weglassen, überholen und verbessern.

Phase eins ist für mich Freiheit. Brainstorming. Tagebuch schreiben.

Teilweise auch Beten. Freestyle Rap. Spontanes Gitarrengeklimper.

All das ist Phase Eins.


Florian Gerlach

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