Von Baumsilhouetten, Papierschnipseln und der Kunst, ein Künstler zu sein



Eine rote fünf, sauber umkringelt und das tiefe Seufzen meiner Grundschullehrerin: Das war der Moment, in dem mir klar wurde, dass ich wohl keine Künstlerin bin. Ich war neun Jahre alt und die Aufgabe einfach: Eine Baumsilhouette ausschneiden und sie auf ein Mosaik aus Papierschnipseln kleben. Aber während mein Baum eher an eine verkrüppelte Hand erinnerte und die Papierschnipsel wild im Hintergrund abhingen, statt ordentlich darauf zu kleben, schien mein Kunstwerk tatsächlich mangelhaft zu sein - vor allem im Vergleich zu den anderen.

Heute, 18 Jahre später, hat sich nicht viel verändert: Ich hab das Papier zwar gegen Wort- und Gedankenschnipsel eingetauscht, aber meinen Gedichten scheint es immer noch an Witz und Tiefgang zu mangeln, um sie als Kunst bezeichnen zu können…

Doch wann und wo in der Menschheitsgeschichte wurde eigentlich beschlossen, dass Kunst nur vom Ergebnis her gedacht werden darf? Warum sind nur die Menschen Künstler, die für ihre Werke gelobt werden? Und wer, abgesehen von meiner Grundschullehrerin, entscheidet eigentlich was Kunst ist?

Der Künstler Erwin McManus behauptet: Unsere Vorstellungskraft ist eine zutiefst menschliche Eigenschaft, die uns vom Tier unterscheidet. Tiere können instinktiv Nester und Wohnungen bauen. Aber nur der Mensch kann durch seine Vorstellungskraft eine Zukunft erschaffen, die noch nicht existiert. Kunst ist es, sich auf diesen Prozess einzulassen und die Vorstellung Realität werden zu lassen.

Was ist, wenn McManus Recht hat? Wenn es bei Kunst nicht um das Ergebnis, sondern um den Prozess geht? Wenn das Betreten dieser Zwischenwelt entscheidend ist, in der deine Geschichte, deine Träume und deine Ideen miteinander verschmelzen. In der du losgelöst von Konventionen querdenkst und mithilfe deiner Fähigkeiten und deinem Wissen etwas Neues erschaffst.

Okay, das mit der Zwischenwelt klingt wie aus einer schlechten Werbung für Alice im Wunderland. Trotzdem, der Vergleich passt: Denn wie bei Alice braucht der Prozess Mut.

Mut, um anzufangen, obwohl die hohe Wahrscheinlichkeit besteht, dass du scheiterst, nie fertig wirst oder ausdrücken kannst, was dir vorschwebt. Mut, sich mit dir selber auseinanderzusetzen, für deine Ideen und Vorstellungen einzustehen, dich angreifbar und verletzlich zu machen.

Sollten wir deshalb nicht viel mehr Leute anfeuern, die sich trauen? Sie für ihren Mut und ihre Risikobereitschaft feiern, anstatt nur ihre Ergebnisse zu bewerten?

Denn auch das lernen wir von Alice im Wunderland: Die menschliche Vorstellungskraft ist einzigartig. Egal ob es darum geht, eine Torte zu verzieren, fehlende Teile für eine Maschine zu konzipieren oder den perfekten Song zu kreieren: Keiner kann dich und deine Vorstellungskraft ersetzen. Wenn du nicht kreierst, fehlt der Welt etwas. Vielleicht der rettende Beitrag zur Klimakrise, die revolutionäre Veränderung des deutschen Schulsystems oder das Aquarellbild, dass deinen verschrobenen Nachbarn berührt.

Ich möchte deshalb weniger kritisieren und mehr applaudieren, weniger vergleichen und mehr helfend meine Schulter oder Hand reichen, wenn es nicht klappt, wie du es dir vorstellst oder deine Kunst missverstanden wird.

Denn es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen, sagt meine Mama immer. Sie hat das mangelhafte Bild übrigens eingerahmt und aufgehangen. Bis heute wird sie immer wieder gefragt, wie dieser bekannte Künstler nochmal heißt, der dieses abstrakte Kunstwerk kreiert hat.


Lisa Kielbassa

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